Prof. Dr. Gert Ueding: Absurde Welten im seichten Wasser Laudatio auf Thomas Gottschalk zur Verleihung des Cicero-Rednerpreises Köln, 10.07.2007 Sehr geehrter Herr Gottschalk, meine Damen und Herren, bei der Vorbereitung meiner Lobrede auf unseren diesjährigen Cicero-Preisträger kam mir eine Notiz in die Hände, die kürzlich unter der Rubrik „Leute“ in der „Süddeutschen Zeitung“ zu lesen war. „Thomas Gottschalk (hieß es da) 57, Spaßmacher, spielt im Film eines kalifornischen Antiqui­tätenhändlers einen Kardinal … Ob der Film jemals in die Filmtheater kommt, ist fraglich.“ – Die Meldung wirkt doch selber wie ein Witz aus „Wetten daß …“ und pointiert das Bauprinzip der Inszenierungen, das Thomas Gottschalk in seinen Sendungen, seinen Scherzen, seinen Selbstdarstellungen verfolgt, nämlich: das Nichtzusammen-Passende, Sich-Widersprechende erbarmungslos aufeinanderzuhetzen. Schon daß es ein kalifornischer Antiquitätenhändler sein muß, der diesen Film dreht, (eine Berufsgruppe, die unter Filmproduzenten noch nicht so recht namhaft geworden ist) und daß dann in diesem Film die Kardinalsrolle von (horribile dictu) dem Star der „Supernasen“ gespielt wird, – dieses Szenario kann nur eine Erfindung jenes „Spaßmachers“ sein, von dem in der Anfangszeile der Meldung die Rede ist. Auch eine Mystifikation kann man natürlich nicht ausschließen, weil ja (wie wir erfahren) der Film vielleicht nie in die Theater gelangen wird. Und noch auf eine weitere Zweideutigkeit möchte ich unsere Aufmerk­samkeit richten. Der Titel „Spaßmacher“, den die Zeitung hier so lapidar verleiht, hat einen Beigeschmack. Gewiß können wir jemanden so nennen, der uns Freude macht, der Frohsinn und Heiterkeit verbreitet. Doch schwingt im Wort „Spaß“ auch etwas von Herablassung, ja Geringschätzung mit, die wir meinen, wenn wir jemanden einen „Spaßvogel“ nennen oder von der „Spaßgesellschaft“ sprechen. In Deutschland zumal ist dieser Unterton sehr deutlich: bekanntlich soll der große Sprachreformer und Aufklärer Gottsched sich schon im 18. Jahrhundert nicht zu schade gewesen sein, den Hanswurst höchst eigenhändig von der Bühne des Leipziger Theaters zu vertreiben. Übrigens eine ungesicherte, aber für das Verhältnis der deutschen Intellektuellen zur Komik bis heute höchst bezeichnende Anekdote! Thomas Gottschalk als späte Antwort des deutschen Fernsehens auf Johann Christoph Gottscheds Leipziger Spektakel – mein Vorredner hat den Namenstopos mit der Laterne des Diogenes schon in alle Richtungen ausgeleuchtet, und ich will das nicht noch weitertreiben. Jedenfalls mag es überraschen, daß unser Preisträger, befragt nach seinem Metier, diese Zweideutigkeit noch betont: „Ich bin kein Künstler“, dementierte er einmal ganz entschieden. „Ich mache eine Unterhaltungs­sendung, und als denkender Mensch weiß ich, daß es in der Welt vieles gibt, das nun gar nicht unterhaltsam ist, was auch nicht schöngeredet werden kann. Ich finde, daß auch manchmal eine Portion Affentheater ganz heilsam sein kann. Das versuche ich: Eine Portion Affentheater und sensible Heiterkeit.“ Wir werden sehen, daß dieser Doppelsinn des Komischen, dieses Changieren zwischen Karneval und Frohsinn (wie das schöne deutsche Wort heißt), zur Sache selber gehört, deren herausragenden Repräsentanten wir heute mit dem Cicero-Redner-Preis auszeichnen. Mit dem „Cicero“? Ja – was um alles in der Welt hat Thomas Gottschalk mit dem römischen Rhetor, Philosophen und Staatsmann, dem so vielgerühmten und manchmal auch geschmähten „Vater des römischen Vaterlandes“, zu tun, der unserem Preis nicht nur den Namen, sondern auch das Programm gegeben hat?! Auch der Preisträger selber mag sich diese Frage gestellt haben – aber vielleicht nur einen Augenblick; denn schließlich hat er, wie ich las, 1971 sein Abitur an einem humanistischen Gymnasium gemacht. Ob dort freilich jener Cicero ausführlich zu Worte gekommen ist, auf den wir uns heute berufen wollen, wage ich kaum zu hoffen. Auch hat sich Gottschalk selber als „miserablen Schüler“ ausgezeichnet – ich sage ganz bewußt „ausgezeichnet“, weil wir diese Selbstbezichtigung ehemaliger Schulversager nicht zu ernst nehmen sollten: ob Thomas Mann, Albert Einstein oder Ernst Bloch – sie alle zitierten liebend gern aus ihren schlechten Zeugnissen, so daß der gescheiterte Schüler schon manchmal wie die notwendige Bedingung des späteren Genies erscheinen mag (eine in den Pisa-Studien vernachlässigte Karriere-Voraussetzung). Da auf die Dauer nichts ermüdender wirkt als ständiger Unernst, und schon Cicero uns davor warnt: „Ja wahrlich“, sagt er, „es ist sehr schwer für einen Mann von einiger Bildung witzig über den Witz zu reden“ – wollen wir uns ein wenig und ganz ernsthaft jener Rhetorik des Lachens widmen, die leider in den Lehrbüchern immer noch viel zu kurz kommt. Daß Aristoteles, der philosophische Stammvater der Rhetorik, sich schon ausgiebig mit unserem Thema beschäftigt hat, wissen Sie alle – jedenfalls diejenigen von Ihnen, die Umberto Ecos „Name der Rose“ gelesen oder die Verfilmung des Bestsellers gesehen haben. Aristoteles hat ja den Menschen das sich von allen anderen Lebewesen durch sein Lachen auszeichende Geschöpf genannt und dann ein ganzes Buch über das Komische geschrieben, das uns freilich nicht erhalten geblieben ist. Seit Umberto Eco kennen wir den Schuldigen: es war der schurkische Bibliothekar des Klosters, der die seltene Schrift unter Verschluß gehalten hatte und mit dem es verbrannt ist, weil der Mönch die Anarchie des Lachens für den christlichen Glauben unzuträglich fand. Übrigens ganz im Geiste des Neuen Testaments. Denn Jesus, das müssen wir mit schmerzlicher Miene eingestehen, ist ein ausgesprochen ernster Religionsstifter gewesen, der die Spaßmacher aus seinem Tempel trieb und der (wenn wir seinen freilich auch sonst nicht ganz fehlerlosen Zeugen glauben wollen) niemals gelacht hat, dafür die Lachenden höchst unwirsch gescholten hat: „Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen“, überliefert uns zum Beispiel der Evangelist Lukas. Dergleichen Mißtrauen, ja Ablehnung hat weit zurückreichende Wurzeln. Bekanntlich bewährt sich der platonische Weise gerade im Kampf gegen Unterhaltung und Vergnügen, Lachen gefährdet seine innere Ruhe und Selbstzufriedenheit. Besonders empörte Platon, daß die Götter bei Homer schon lachen – noch dazu auf unmäßige, ihnen unwürdige Weise (das sprichwörtliche „Homerische Gelächter“) über so niedrige Gegenstände wie zum Beispiel den Ehebruch Aphrodites mit Ares, dem Gott des Krieges. Beide hat der betrogene Hephaistos in flagranti überrascht und hilflos zappeln in seinem Netz gefangen – daß er damit selber zum Opfer des olympischen Spottgelächters wurde, hatte er natürlich nicht vorausgesehen. Platon also fand solches Lachen schändlich und ungebührlich, verurteilte es als moralisch schlecht und unvernünftig – auf diese Weise gelangte der Griesgram in die hohe Philosophie, wovon sie sich bis heute nicht erholt hat – trotz Nietzsche, der das Lachen pries, eine fröhliche Wissenschaft forderte und der Aristotelischen Definition vom Menschen als dem lachenden Lebewesen eine tiefe Pointe abgewann: „Das leidendste Tier auf Erden, der Mensch, erfand sich – das Lachen.“ Ganz anders nun als in der Philosophie spielen Unterhaltung und Vergnügen, Witz und Scherzrede in der Rhetorik von Beginn an eine tragende Rolle: neben den Argumenten, Beweisen und Gefühlsgründen ist das Prinzip Delectare, das Prinzip Unterhaltung, wie Cicero es genannt hat, unerläßlich für eine überzeugende Rede, denn es erfreut den Zuhörer, gewinnt dem Redner die Herzen des Publikums und macht selbst das trockenste Thema überhaupt genießbar. Auch ein Unterricht, fügt etwas später Quintilian, der erste beamtete Professor des Abendlandes, hinzu, ist sehr viel erfolgreicher, wenn die Schule auf unterhaltsame Weise belehrt. Der Advokat Cicero verachtete auch die derben Formen des Witzes nicht (mit Gottschalk zu sprechen: „das Affen­theater“). „Das Gebiet des Lächerlichen (so begründet er sein manchmal befremdliches Reden), das Gebiet des Lächerlichen ist wesentlich bestimmt von einer gewissen Häßlichkeit und Mißgestalt. Denn man lacht ja ausschließlich und ganz besonders über das, was etwas Häßliches auf eine Weise, die nicht häßlich ist, bezeichnet und beschreibt.“ Das ist nicht etwa nur übertragen zu verstehen. Das klassische Zeitalter, dem später ein Winckelmann sein Schönheitsideal so überzeugend abgewonnen hat, daß wir ihm noch heute, und sei es in der Gestalt Marilyn Monroes, oder von mir aus Liz Hurleys huldigen, war in seinem Umgang mit der davon abweichenden körperlichen Erscheinung bemerkenswert unbefangen. Der hinkende Hephaistos ist schon Gegenstand Homerischer Witze; in seinem Prozeß-Gegner Piso sieht Cicero Schafskopf, Schwein und Geier vereint, auch nennt er ihn einen Zuchthengst, der aufwiehert, sobald ein Philosoph von „Lust“ spricht; noch dazu sei er ei elender Schlemmer, hervorgegangen „aus Epikurs Schweinestall, nicht aus seiner Schule“, abscheulich aus dem Munde stinkend und zudem von Galliern abstammend, die mit Hosen herumlaufen: für die Römer eine barbarische Vorstellung. Aussehen und Abstammung, auch der Name waren herausragende Gegenstände von Ciceros Spottlust: was gewinnt er allein an Beschimpfungen dem Namen seines Gegners Verres ab, da verrës, verris m. (wir erinnern uns mühsam) „das Schwein“ heißt. des Verres Rechtsprechung nennt er zum Beispiel „ius verrinum“: da „ius“ auch „Sauce“ heißen kann, bedeutet der doppelsinnige Ausdruck zugleich „Schweinebrühe“, und als sein Gegner einen jüdischen Scheinankläger präsentiert, fragt Cicero hinterlistig: „Was hat der Jude mit dem Schwein zu tun?“ Übrigens bedient sich auch der jüdische Witz ganz ungeniert aller besonders ins Auge fallenden körperlichen Defekte: „Rabbi“, beschwert sich ein Buckliger, „jeden Schabbes predigt Ihr, wie vollkommen Gott alles erschaffen hat. seht mich an!“ Der Rebbe sieht ihn von allen Seiten an und sagt: „Nu, sein Ihr für einen Buckligen nicht vollkommen geraten?“ Uns Heutigen mögen Witze, Scherz- und Spottreden dieser Art makaber vorkommen, und auch die Alten empfanden gelegentlich einige Skrupel gegenüber allzu ausgelassenen oder groben Scherzen. Große und besonders ruchlose Verbrecher will Cicero von der komischen Behandlung ebenso ausgeschlossen wissen wie außergewöhnliches Elend. Grimassieren, übertriebenes Nachäffen oder gar Zoten, sagt er, „gehören nicht nur nicht auf das Forum, sondern kaum in ein Gelage freier Männer.“ Daß der römische Meister der Schmährede solche Regeln nicht eng auslegt, zeigt er mit einem Beispiel nur wenige Seiten nach jener Warnung: „Als man Pontidius fragte: ‚Wie stellst du dir einen Mann vor, den man beim Ehebruch ertappte?’ gab der zur Antwort: [Pause] ‚Langsam?’“ Womit wir wieder (vielleicht auch etwas langsam)bei unserem Preisträger angekommen sind: um jedes Mißverständnis auszuschließen: bei jenem Thomas Gottschalk, der die Kunst der Schlagfertigkeit, also Schnelligkeit in Wort und Tat, zu der uns allen bekannten Höhe entwickelt hat. Wir haben schon gehört, wie er sein Metier zu kommentieren pflegt, werden gleich von ihm vielleicht noch weiteres hören. Ein Leitmotiv gibt es, das er immer wieder betont – in Interviews ebenso wie in seinen Reden! Er ist nämlich nicht nur leichtfüßiger Moderator, sondern zugleich der bezauberndste Festredner, dem ich begegnet bin. Zweimal habe ich Sie, verehrter Herr Gottschalk, in diesem Sinne reden erlebt, beide Male waren es Geburtstagsreden auf Marcel Reich-Ranicki, einen anderen „Cicero“-Preisträger, dem Sie sich also auch heute so „an Ihrer Seite spüren“ dürfen wie Sie es sich in der Frankfurter Paulskirche zum 85. Geburtstag des großen Kritikers wünschten. Und es kann ja auch gar nicht anders sein, als daß unsere Auszeichnung, die wir hier im Namen Ciceros alljährlich vergeben, sich auch immer an der oratorischen Leistung im klassischen Sinne orientieren muß, sonst stünden die Medien-Spaßmacher (und die sich dafür halten) bald Schlange vor den Toren dieses inzwischen „Hohen Hauses“ der RedeKunst! „Ich bin in diesem Lande zuständig für das Leichte“, haben Sie, sehr verehrter Herr Gottschalk, in Ihrer Paulskirchenrede gesagt und sogleich ein merkwürdiges Bekenntnis hinzugefügt: „und das ist eine sehr einsame Position.“ Das klingt, oberflächlich gehört, wie eitles Selbstmitleid. Das sagt schließlich ein Mann, der erst kürzlich wieder Tausende in eine Arena und 10 oder 15 Millionen vor die Bildschirme gelockt hat. In dem anderen Vortrag, den Sie auf Reich-Ranicki gehalten haben (zu seinem 80. Geburtstag), finden Sie eine ähnliche Formulierung: „Während ich im Seichten wirke“, sagen Sie da, „jagt Marcel Reich-Ranicki in tieferen Gewässern, in denen mir schon die Luft ausginge, bevor er mich erwischte.“ Lassen wir das mit der „Luft“ einmal dahin gestellt (es gehört in die Rubrik „miserabler Schüler“) – aber das mit der Einsamkeit hat schon seine Richtigkeit. Die Millionen nämlich, vor denen Sie, Herr Gottschalk, beschwingt und frohgemut, gelegentlich auch höchst scharfzüngig, durch die Arena parlieren, ahnen wenig davon, welche Anstrengung und Kunstfertigkeit sich da vor ihnen in so mühelos scheinenden Figuren verkleidet hat. Die Rhetorik kennt das Prinzip des „artem celare“, des Verbergens der Schwierigkeiten und Anstrengungen – der vollkommenen Rede, heißt das, darf man die Arbeit und Mühe, die sie gekostet hat, nicht anmerken und das Schwierigste muß gerade wie das Leichteste erscheinen. Und die Kenner, die es eigentlich besser wissen müßten, die Schriftsteller, die nach Max Frischs Wort auch nur Gaukler sind, so unzuverlässig, daß Platon sie aus seinem Staat ausschließen wollte? Oder die Kritiker, die intellektuellen Wortführer unserer Republik? Erkennen sie wenigstens, was da gespielt wird, auf zweiter und dritter Ebene, und daß eben doch eine Künstlerhand hier ihre Marionetten waghalsige Figuren tanzen, aber natürlich auch dämliche Sprüche klopfen läßt? Nein, gerade sie verstehen nichts davon und wundern sich nur, wie Thomas Gottschalk einen von ihnen genüßlich zitiert, „daß Menschen sich so etwas ansehen!“ Das ist nicht verwunderlich. Wer nur gewöhnt ist, alles ernst zu nehmen, kann auch bloß das Ernste wichtig nehmen. Er weiß nicht, daß – mit Nietzsches unüberholbaren Worten – „das Gute leicht ist, alles Göttliche auf zarten Füßen läuft.“ Und die Politiker schließlich? In Ihrer fiktiven Bundestagsrede, Herr Gottschalk, auch dieses ein rhetorisches Meisterstück seiner Art, haben Sie es unmißverständlich formuliert: „Aber das ist ja das Problem, daß Sie (er wendet sich an sein vorgestelltes Publikum) sich längst von den schlichten Gemütern, die Sie hier (im Parlament) vertreten, verabschiedet haben.“ Kein Zweifel, in Deutschland besonders hat das Leichte einen schweren Stand. Unser Sprachgebrauch verrät es ja sofort. Leichtblütig und leichtsinnig, leichtfertig oder leichtgläubig nennen wir nur einen Luftikus oder Bruder Leichtfuß. Noch wenn wir von der leichtgeschürzten Muse sprechen, schwingt die moralische Zweideutigkeit mit – von den leichten Mädchen ganz zu schweigen. Der Deutsche schwitzt beim Denken und Schreiben, sonst gilt es ihm nichts, und wenn unsere Staatsmänner und –frauen unbeholfen, monoton, glanzlos sprechen, verstehen wir das als Gütesiegel ihrer Politik. Ja, lieber Herr Gottschalk, das mit der Einsamkeit stimmt schon. Doch zu der Stärke des Komikers (niemand hat es uns schöner und zugleich melancholischer als Charlie Chaplin gelehrt) – zur Stärke des Komikers gehört, daß er sich nicht unterkriegen läßt. Und schließlich gibt es einige Munition, die Thomas Gottschalk ins Treffen führen kann: sie entstammt einer Welt an den Rändern des bürgerlichen Lebens, dort wo es undeutlich, aber auch vieldeutig, vielversprechend wird. Das heißt aus dem Budenzauber, wo einst Schwertschlucker und Feuerfresser, Schlangenbeschwörer und Riesenweiber ihr köstliches Unwesen trieben; wo Vorhang und Verhüllung die exotischen Geheimnisse von indischen Magiern und geheimnisvollen Zigeunerinnen verbargen – aus allen diesen Depots hat sich Gottschalk bedient. Und natürlich aus dem Zirkus mit seiner Manege, nur daß der Herr Direktor jetzt keine Löwen und Affen, Pferde und Seehunde dirigiert, sondern die Maskes und Bohlens, die Hallervordens und Bioleks, zwischen denen die Klums oder Hurleys gleich hübschen Nummerngirls ihr erotisches Karussell drehen. Mit einer Peitsche knallt er nicht mehr, der Herr Direktor Gottschalk, aber sein Witz kann scharf werden wie das Leder, und ein Roberto Blanco, der sich plötzlich für seine Allerweltstorheiten mit dem Etikett „Philosoph“ ausstaffiert findet, wird sich hüten, die Spottlust des Meisters weiter herauszufordern. Ja, es ist schon ein komisches Völkchen, das der Zirkus „Wetten dass“ in seiner meist ansehnlichen Manege versammelt. Wie bewußt Gottschalk an Traditionen alter Volksbelustigung anknüpft, demonstriert er mit der eigenen Person. Der Direktor spielt ja mit, seine Kostüme, mal glitzernd-schmuck, mal mit Lederfetzen besetzt, mal pluderhosig, mal (scheinbar) schlangenledrig, mal mit Schärpe, mal mit Riesengürtelschnalle, mal im goldenen, mal im rot-schwarz karierten Jackett, mal hoch zu Roß, mal im römischen Kampfwagen, diese oft schon legendären Verkleidungen stammen aus der Weltgarderobe der Clowns, der Historienschinken, der Kolportage. Manche zehren vom Formenschatz der Commedia del Arte, andere scheinen aus den Bildern Dalis oder Max Ernsts entliehen. Hier präsentiert sich (nicht ohne Eitelkeit natürlich, aber die gehört dazu) ein Kaiser in stets neuen Kleidern und tobt seine Lust am Rollenspiel aus, an Verfremdung und Verstellung, an Phantasie und Fantastik, wie nur Kinder sie sich noch bewahrt haben. Gottschalks Vielseitigkeit ist grenzenlos. Ob er als bedächtiger Moderator oder enthusaismierter Jahrmarktschreier, als Rapper oder unerquicklicher Streithammel (im Spiel mit Götz George) auftritt – oder gar als Old Shatterhand, der seinen Blutsbruder Winnetou bei der uns allen vertrauten herzzerreißenden Filmmusik in die Arme schließt: immer sind es wohldurchdachte, perfekte Selbstinszenierungen, die gerade als Budenwunder und Verwandlungszauber auf kunstvolle Weise unfertig, improvisiert wirken. Auch dafür gibt es übrigens rhetorische Vorspiele bei Cicero, der vom perfekten Redner nichts anderes erwartete, als daß er in allen erforderlichen Rollen seiner Aufgabe gerecht werde – nicht ohne Grund verdanken wir ihm die erste Rollentheorie in unserer Geschichte: er nannte die Rolle, die einer in der Gesellschaft, auf der Bühne des Staates oder in seinem Hause spielt: „persona“. Das war auch die Bezeichnung für Maske, Theatermaske, und wir sehen, welch komödiantischen Ursprungs der so hochgeachtete Begriff der Persönlichkeit ist. Das sind Zusammenhänge, auf die uns Gottschalk stößt – oder besser: die er oft überhaupt erst herstellt. Von den Clownerien war schon die Rede: vom Glitzerclown und dem dummen August. Doch auch ein anderes, mehr barockes Bild liegt nahe. Denn daß hier einer vor den Augen seines Millionenpublikums Hof hält, mit eingeschliffenen Formen und Ritualen und inmitten jener Licht- und Bühnenpaläste, die die moderne Schautechnik zu kreieren weiß, das ist jedem Zuschauer evident. Aber in einem ganz wesentlichen Punkt unterscheidet sich Gottschalk von seinen Konkurrenten: als Hofnarr nämlich inszeniert er sich am eigenen Hof. Selbstironie, Spott über eigene Ambitionen gehören zu dieser Rolle, auch das Herausfallen aus ihr. Denn seit alters gilt von Kindern und Narren, daß sie die Wahrheit sagen dürfen, ohne Sanktionen befürchten zu müssen. So bricht Gottschalks Witz immer wieder die Übereinkünfte politischer Korrektheit, und wo ein Politiker über die Kazcynskis allenfalls hinter vorgehaltener Hand lästern darf, da tut er es vor laufender Kamera. Doch wehe, wenn sein Plastikstiefel aussieht als wäre er aus Schlangen- oder Krokodilshaut, dann hört der Spaß auch für die Mallorca-Auslese seines Publikums auf, und so ernst nimmt es dann sogar sein Narrenkostüm. Überschlagen wir schließlich alles in allem, dann ist Thomas Gottschalk eine große rhetorische Erfindung gelungen: wie sich zuzeiten (sei es olympischen oder wenn Mauern fallen) der Jahrmarkt über ein ganzes Volk und Land verbreiten kann, so hat er die Scherzrede, deren Meister er ist, in die potenziell unendliche Bühnenwirklichkeit ausgedehnt. Aus seiner Wunderlampe von Scherz, Satire und tieferer Bedeutung steigen regelmäßig absurde Szenerien auf, in denen Menschen wie du und ich groteske Dinge treiben und die großartigen Gebrauchsgüter unserer Zivilisation zu allerlei närrischen Zwecken mißbrauchen – zum Exempel einen Unimog über eine Seil steuern, mit einem Bagger einen 15 Meter hohen Stahlturm erklettern oder mit dem Motorrad von der Olympia-Schanze abspringen. Wir wissen es ja – die sogenannten feinen Leute mokieren sich über dergleichen Allotria, wie sie sich auch längst über jedes Märchen erwachsen dünken. Denn das ist die andere Sphäre, an der Gottschalk mächtig zieht. Diese Welt, in der leichtgewichtige Idole des Unterhaltungsbetriebs Kuhställe ausmisten oder sich auf das Sofa setzen und vom launigen Gastgeber nerven lassen müssen, in der ordentliche Berufsbürger sich in närrische Tüftler und schrullige Spieler verwandeln – diese doch ganz absurde Welt ist aufgetragen auf das Wunderwerk der Märchen. Kehrt nicht in dem Kauz, der eine Tasse Kaffee auf der herausgestreckten Fußsohle balancierend ein Schwimmbad durchquert, jener arme Bursche wieder, der mit einem Sieb einen ganzen See ausschöpfen soll, wenn er die Prinzessin erringen will? Sehen wir nicht in jenem lungenstarken Wettgenossen, der kupferne Pfennige vom Tisch in ein Glas zu pusten versteht, den Riesenschelm des Märchens am Werk, dessen gewaltiger Atem sogar ganze Bäume entwurzelt? Und erkennen wir endlich nicht in jenem Fliegenfänger, der die krabbelnden Untiere mit dem Munde fängt, den Schatten des berühmtesten aller Fliegentöter, der es vom Schneider zum König brachte? Ja, natürlich tun wir das, wenn wir es recht bedenken, und uns nicht von der Oberfläche täuschen lassen, die Thomas Gottschalk selbstironisch das seichte und schlichte Element der Unterhaltung nennt. Wenn wir also hindurch sehen auf den Karneval des großen Stils als endloses Wettvergnügen. Wir lachen mit und in diesem Lachen löst sich das alte Dasein auf und grüßt ein heraufkommendes, mögliches Dasein vielversprechend herüber. Dafür wollen wir ihn ihm Namen Ciceros preisen und ihm danken, diesem Artisten der Scherzrede und der „curiösen“ Clownerien: daß er uns immer wieder den Treibstoff liefert, der in unsere so unterernährte Phantasie greift – gerade in die schlichte Phantasie unseres Alltags und des gewöhnlichen Lebens, auf daß wir nicht darin untergehen.